, Extern (Fabienne Wuerth)

Er ist der Maestro, der Chöre in Rüti und Dürnten zum Klingen bringt

Es ist ein früher Nachmittag an einem Montag im Amthaussaal in Rüti. Es ist noch still, und die Stuhlreihen sind leer. Nur das gedämpfte Licht über dem Klavier erhellt den Raum. Davide Galassi blättert konzentriert in den Noten. Eine Hand ruht auf der Tastatur, die andere folgt der Partitur. Ein Blick auf die Uhr – es ist Zeit. Bald werden die Sänger eintreffen.

Für den Italiener ist jede Probe ein kleiner Neubeginn: «Musik entsteht im Hier und Jetzt – sie lebt im Moment», sagt er. Dass diese Proben möglich sind, verdanken die Bachtelstimmen, ein Frauen Vocal Ensemble, auch ihrem Dirigenten. Denn vor zwei Jahren, nach der Pandemie, hatte der Chor nur noch 16 Mitglieder. Galassi brachte neuen Schwung, heute sind 31 Frauen dabei. «Er versteht es, uns zu motivieren», sagt Chorpräsidentin Maya Baumann.

Dirigent mit Sängerherz

Galassi selbst sieht Gründe für den Mitgliederzuwachs. Zum einen sind Sängerinnen von aufgelösten Chören dazugekommen. Zum anderen ist der gebürtige Mailänder mit dem typischen italienischen Charme nicht nur Dirigent, sondern auch ausgebildeter Operntenor.

Diese doppelte Fachlichkeit ermöglicht es ihm, seinen Chormitgliedern präzise Anweisungen zu geben. «Ich kann zeigen, wie man Mund oder Kiefer positionieren muss, um den besten Klang zu erzielen. Dadurch lernen die Sängerinnen und Sänger in jeder Probe dazu, und das macht Spass», erklärt er mit seinem unverwechselbaren italienischen Akzent.

Dennoch haben sowohl die Bachtelstimmen als auch Wir, der Chor Züri Ost, der ehemalige Männerchor Rüti, den Galassi seit 2009 leitet, ein Nachwuchsproblem. Warum dem so ist, kann der Dirigent nur vermuten: «Junge Menschen engagieren sich lieber projektbezogen und möchten sich nicht wöchentlich binden.»

Herausforderung Nachwuchs

Darum setzt Galassi auf Projekte wie «Non Solo Vivaldi», das im Juni 2025 stattfinden wird. Wer will, kann mitmachen und bleibt dann vielleicht als aktives Mitglied im Chor. Ein bewusster Versuch, junge Talente zu gewinnen.

Mit dem Projekt bringt der Dirigent zudem den Männer- und Frauenchor zusammen. Diese Möglichkeit war ein weiterer Grund, warum der Operntenor die Leitung der Bachtelstimmen übernommen hat: Er wollte schon seit Längerem einen gemischten Chor dirigieren. Erste Erfahrungen hat er am Konzert zum Bettag 2024 bereits gesammelt, als die beiden Chöre gemeinsam in der Kirche Rüti aufgetreten sind. «Die Akustik von der Empore war schwierig, aber insgesamt bin ich mit dem Resultat sehr zufrieden.»

Spagat zwischen Männer- und Frauenchören

Wie aber schafft er den Spagat, einen Männer- und einen Frauenchor zu leiten? Davide Galassi lacht herzlich und verrät: «Ich habe neben der Musik sehr viele Interessen. Mein grösstes Steckenpferd ist die Psychologie. Dazu lese ich, was mir in die Finger kommt. Man glaubt gar nicht, wie hilfreich dies für die Leitung von Chören sein kann.»

So seien die Frauen in der Regel organisierter als die Männer, die zuweilen ohne Noten an der Probe erscheinen. Hingegen nehmen die Frauen tendenziell vieles ernster und verstehen humorvolle Bemerkungen eher als Kritik. «Schön ist, dass wir am Schluss mit Fingerspitzengefühl meinerseits immer ans Ziel kommen.»

Musik als Lebenselixier

Man muss nicht lange mit dem Italiener reden, ehe man merkt, dass er ein Mann der Musik ist. «Wer kann sich wichtigere Momente ohne Musik vorstellen?», fragt er rhetorisch.

Schon als Kind träumte er von der Musik, inspiriert von der facettenreichen Plattensammlung seiner älteren Schwester, die von Pink Floyd bis Genesis reichte. Heute lebt er diesen Traum – als Sänger, Dirigent und Musiker. Neben seiner Chorarbeit engagiert er sich in Projekten wie dem Opernensemble «L’Estro Melodico», welches Oper mit modernen Stilen verbindet, oder dem Duo Two of Us, das Oper mit Pop und Soul verschmelzen lässt.

«In meiner Band kann ich experimentieren und diese Erfahrungen später in die Chorarbeit einfliessen lassen», erklärt er. So interpretieren die Bachtelstimmen nicht nur klassische Stücke, sondern auch moderne Lieder wie «Memory» aus dem Musical «Cats» oder Wir, der Chor Züri Ost einen Song von Heimweh oder der Band Plüsch.

Mit seiner charismatischen Leidenschaft, seinem Humor und seinem Talent hat Davide Galassi nicht nur zwei Chöre wiederbelebt, sondern auch Brücken zwischen musikalischen Welten gebaut. Ein Leben ohne Musik? Für ihn unvorstellbar – und für die, die unter seiner Leitung singen, ebenso.